Themen
Kommunikation

Gesundheit und Kommunikation
Wo Zeit knapp ist, gewinnt die Qualität der Begegnung an Bedeutung. Professionelle Kommunikation verbindet fachliche Klarheit mit aufmerksamem Zuhören – auch unter anspruchsvollen Bedingungen.
Patientenkommunikation
Vertrauen entsteht nicht allein durch Information. Entscheidend ist, ob ein Mensch sich wahrgenommen und in seinen Fragen ernst genommen fühlt. Gute Patientenkommunikation verbindet verständliche Sprache, sorgfältiges Fragen und die Bereitschaft, die eigene erste Deutung zu überprüfen.
Perspektive
Die Essenz meiner Kommunikation
Ein Artikel von Helmut-Whitey Kritzinger
Wenn Menschen mich fragen, wofür ich stehe, sage ich oft zuerst, wofür ich nicht stehe: für die Idee, dass ein Gespräch besser wird, wenn nur die Argumente besser werden.
Das ist die verbreitetste Annahme über Kommunikation – und aus meiner Sicht die am meisten überschätzte.
Die Grundannahme, die ich infrage stelle
Die klassische Vorstellung von Kommunikation funktioniert wie ein Transport: Jemand sendet eine Botschaft, ein anderer empfängt sie, und wenn die Botschaft nur klar genug formuliert ist, kommt sie „richtig“ an. Gespräche scheitern demnach an schlechten Formulierungen, unklaren Argumenten oder fehlendem Verständnis der Fakten.
Meine über viele Jahre gewachsene Erfahrung – aus der therapeutischen Praxis ebenso wie aus unzähligen Ausbildungsgesprächen – zeigt mir etwas anderes: Gespräche verändern sich nicht durch bessere Botschaften. Sie verändern sich durch das, was zwischen zwei Menschen tatsächlich geschieht, während gesprochen wird. Ein Tonfall. Eine Pause, die zu lang wird. Der Moment, in dem jemand aufhört zu reden – und beide wissen, dass gerade etwas Entscheidendes passiert ist.
Diesen Moment nenne ich ein Ereignis. Die Arbeit mit genau diesen Momenten – nicht nur mit Argumenten – ist die Essenz dessen, was ich unter Kommunikation verstehe.
Mein Unterscheidungsmerkmal: Ereignis vor Argument
Daraus ergibt sich der Kern meines Ansatzes, den ich Ereignisdenken nenne:
Ein Gespräch verbessert sich nicht allein dadurch, dass ich das bessere Argument finde. Es verbessert sich dadurch, dass ich erkenne, welches Ereignis gerade zwischen mir und meinem Gegenüber entsteht – und bewusst gestalte, welches Ereignis als Nächstes entstehen soll.
Das ist keine Gesprächstechnik im herkömmlichen Sinn. Es ist eine andere Grundfrage. Statt „Was sage ich jetzt?“ frage ich: „Welches Ereignis entsteht dadurch, wie ich es sage – und in welchem Moment?“
Diese Verschiebung hat Folgen:
- Nicht-Kausalität statt einfacher Ursache-Wirkung: Dieselbe Aussage kann je nach Moment und Beziehung unterschiedliche Wirkungen entfalten. Wer nach der einen richtigen Formulierung sucht, sucht am falschen Ort.
- Beziehungsereignis statt Einzelaussage: Vertrauen entsteht nicht durch einen gelungenen Satz, sondern durch wiederkehrende, positiv erlebte Momente zwischen Menschen.
- Resonanz statt Zustimmung: Ob ein Gespräch gelingt, zeigt sich nicht allein daran, ob jemand inhaltlich zustimmt, sondern auch an der häufig nonverbalen Reaktion, die ein Ereignis auslöst.
- Wirkung statt Wortgefecht: Der Erfolg eines Dialogs bemisst sich nicht an der Zahl der Argumente, sondern an der Qualität der Ereignisse, die er hervorgebracht hat.
Wie sich das im Gespräch anwenden lässt
Aus diesen Prinzipien habe ich das Sechsphasenmodell des Ereignisdenkens entwickelt:
- Wahrnehmen – das tatsächliche Ereignis erkennen, statt sofort inhaltlich zu reagieren.
- Benennen – das Ungesagte besprechbar machen: Tonfall, Pause und Reaktion.
- Deuten – der möglichen Bedeutung des Ereignisses für die Beziehung nachgehen.
- Gestalten – bewusst ein neues, konstruktives Ereignis entwerfen.
- Setzen – dieses Ereignis im passenden Moment in den Dialog einbringen.
- Integrieren – die Wirkung reflektieren und in den eigenen Kommunikationsstil überführen.
Dieses Modell ist kein Regelwerk, das man auswendig lernt, sondern eine Haltung, die man trainiert. Deshalb bilden Theorie und Praxis zwei getrennte, aufeinander aufbauende Schritte: Das Buch Der Ereignisdialog legt die Kulturtechnik und ihre Prinzipien dar; das Workbook Die Kraft des Ereignisses übersetzt sie in Übungen für den eigenen Gesprächsalltag.
Warum das mehr ist als eine weitere Gesprächstechnik
Es gibt viele gute Kommunikationsmodelle – von der Unterscheidung zwischen Sach- und Beziehungsebene bis zu erprobten Frage- und Zuhörtechniken. Sie alle haben ihren Platz. Aber sie beginnen häufig bei derselben Frage: Wie sage ich es besser?
Meine Frage ist eine andere: Was entsteht gerade wirklich zwischen uns – und was soll als Nächstes entstehen?
Diese Verschiebung vom Inhalt zum Ereignis ist es, was ich als Ereignisdenken lehre, worüber ich schreibe und woran ich mit Menschen in Gesprächen, Seminaren und Ausbildungen arbeite. Nicht, weil Argumente unwichtig wären, sondern weil ein Gespräch am Ende nicht an seinen besten Sätzen erinnert wird, sondern an dem, was in ihm wirklich geschehen ist.
